MedDRA (Medical Dictionary for Regulatory Activities) ist in klinischen Studien und in der Pharmakovigilanz fest etabliert. In der praktischen Arbeit bleibt jedoch häufig unklar, wie die MedDRA Klassifikation und Hierarchie konkret eingesetzt werden sollen. Gerade bei der Kodierung von Ereignissen, der Aggregation von Daten und der Auswertung von Nebenwirkungen spielt der strukturierte Aufbau von MedDRA eine zentrale Rolle.
Dieser Artikel erläutert, wie die MedDRA Klassifikation und Hierarchie aufgebaut ist und wie die einzelnen Ebenen von LLT bis SOC in typischen Arbeitsschritten genutzt werden, von der Kodierung über die Analyse bis zur Interpretation von Ergebnissen.
MedDRA Klassifikation und MedDRA Hierarchie richtig einordnen
Im Zusammenhang mit MedDRA verwenden viele Texte die Begriffe Klassifikation und Hierarchie, die unterschiedliche Aspekte desselben Systems zu beschreiben. Die MedDRA Klassifikation beschreibt den Zweck der Terminologie. Sie dient dazu, medizinische Informationen wie Symptome, Diagnosen oder unerwünschte Ereignisse einheitlich zu erfassen und vergleichbar zu machen, sodass Daten aus unterschiedlichen Studien oder Zeiträumen gemeinsam ausgewertet werden können.
Die MedDRA Hierarchie beschreibt hingegen die strukturelle Umsetzung dieser Klassifikation. Begriffe sind auf mehrere Ebenen verteilt, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Während bei der Kodierung möglichst präzise Begriffe gewählt werden, erfolgt die Auswertung häufig auf höheren Ebenen, um Muster, Häufigkeiten oder Zusammenhänge sichtbar zu machen. Klassifikation und Hierarchie greifen dabei ineinander und bilden gemeinsam die Grundlage für die Anwendung von MedDRA in Analyse und Reporting.
Überblick: Die MedDRA-Hierarchie von LLT bis SOC
Die MedDRA-Hierarchie bildet das strukturelle Fundament des Systems. Sie ordnet medizinische Begriffe auf mehreren Ebenen an, die jeweils eine klar definierte Funktion erfüllen. Dadurch lassen sich Informationen sowohl sehr präzise erfassen als auch für Auswertungen und Berichte flexibel zusammenfassen.
Am unteren Ende der Hierarchie stehen die Lowest Level Terms. Diese Begriffe sind besonders nah an der gemeldeten Beschreibung eines Ereignisses und bilden die Grundlage der Kodierung. Sie dienen dazu, medizinische Sachverhalte möglichst genau abzubilden. Ausgehend von diesen Begriffen erfolgt eine Zuordnung zu den Preferred Terms, die als standardisierte Bezeichnungen fungieren. Diese Ebene spielt eine zentrale Rolle für die Analyse und das Reporting, da sie Vergleichbarkeit über Studien und Datensätze hinweg ermöglicht.

Über den Preferred Terms liegen die High Level Terms und High Level Group Terms, die inhaltlich verwandte Begriffe zusammenfassen und die strukturierte Auswertung größerer Datenmengen unterstützen.
Den Abschluss der Hierarchie bilden die System Organ Classes. Sie erlauben eine übergeordnete Einordnung von Ereignissen nach Organsystemen oder medizinischen Bereichen und werden häufig für zusammenfassende Darstellungen genutzt. Durch das Zusammenspiel aller Ebenen kann MedDRA entlang des gesamten Prozesses eingesetzt werden, von der detaillierten Kodierung bis zur aggregierten Analyse.
MedDRA in der Anwendung: Kodierung, Aggregation und Analyse
In der praktischen Arbeit mit MedDRA beginnt der Prozess mit der Kodierung einzelner medizinischer Ereignisse. Diese bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte von der Aggregation bis zur Auswertung.
Kodierung mit MedDRA: Rolle der LLTs
Die Lowest Level Terms stellen den Einstiegspunkt in die MedDRA-Anwendung dar. Ausgangspunkt ist meist eine freie Beschreibung eines Ereignisses, etwa aus einem Prüfbericht, einem Fragebogen oder einer Sicherheitsmeldung. Ziel der Kodierung ist es, diese Beschreibung inhaltlich möglichst passend einem Lowest Level Term zuzuordnen.
Dabei kommt es weniger auf eine wortgleiche Übereinstimmung als auf die medizinische Bedeutung an. MedDRA stellt hierfür eine große Zahl an Lowest Level Terms bereit, die unterschiedliche Formulierungen und Nuancen abdecken. Da jeder Lowest Level Term eindeutig einem Preferred Term zugeordnet ist, entscheidet die Auswahl auf dieser Ebene darüber, wie ein Ereignis später standardisiert ausgewertet wird. Eine sorgfältige Kodierung bildet somit die Grundlage für alle nachfolgenden Analysen.
Wie wird mit MedDRA kodiert?
In der Praxis kodieren Teams unerwünschte Ereignisse und medizinische Befunde entweder manuell oder mit softwaregestützter Unterstützung. Bei einer manuellen Kodierung suchen Anwender in einer Terminologieliste oder einem strukturierten Nachschlagewerk nach einem passenden Lowest Level Term und dokumentieren die Entscheidung zusammen mit der verwendeten MedDRA-Version. Dieser Ansatz eignet sich vor allem für kleine Datensätze oder für Teams, die MedDRA zunächst kennenlernen und nachvollziehen möchten, wie unterschiedliche Formulierungen zu bestimmten Zuordnungen führen.
Mit zunehmender Datenmenge kommen in der Regel Tools zum Einsatz, die die Auswahl geeigneter Begriffe unterstützen und die Zuordnung zwischen den Hierarchieebenen automatisch abbilden. Dadurch arbeiten Kodierer konsistenter, Entscheidungen lassen sich besser nachvollziehen, und die Versionstreue bleibt auch über längere Studienzeiträume oder bei der Zusammenführung mehrerer Datenquellen erhalten.
Zur Unterstützung der Kodierung stellt MedDRA selbst Such- und Browserlösungen bereit, mit denen Begriffe gezielt recherchiert und hierarchisch eingeordnet werden können. Darüber hinaus ist MedDRA in vielen elektronischen Datenerfassungs- und Safety-Systemen integriert, sodass die Auswahl von Lowest Level Terms direkt im jeweiligen Arbeitskontext erfolgt. Unabhängig von der eingesetzten Software verfolgen diese Werkzeuge dasselbe Ziel, nämlich eine konsistente und nachvollziehbare Kodierung entlang der MedDRA-Hierarchie.
Unabhängig davon, ob manuell oder toolgestützt kodiert wird, bleibt die grundlegende Logik gleich. Ausgangspunkt ist stets die konkrete Beschreibung eines Ereignisses, aus der ein passender Lowest Level Term ausgewählt wird. Mit dieser Auswahl ist automatisch die Zuordnung zu einem Preferred Term verbunden. Da diese Ebene für viele Auswertungen zentral ist, bietet es sich an, die Preferred Terms im nächsten Schritt genauer zu betrachten.
Analyseebene: Preferred Terms (PT) als standardisierte Ebene
Preferred Terms fungieren als standardisierte Ebene für Auswertung und Reporting, indem sie unterschiedliche Lowest Level Terms unter einem gemeinsamen Begriff zusammenführen.
Diese Standardisierung ermöglicht vergleichbare Analysen über Studien, Zentren oder Zeiträume hinweg. Preferred Terms werden häufig zur Berechnung von Häufigkeiten, Inzidenzen oder Zeit-bis-Ereignis-Analysen, zur Erstellung von Tabellen oder zur Visualisierung von Ergebnissen genutzt. Gleichzeitig bleibt über die Verknüpfung zu den Lowest Level Terms der Bezug zur ursprünglichen Beschreibung erhalten.
Für die praktische Anwendung ist es daher entscheidend, die Bedeutung der Preferred Terms zu verstehen. Eine sorgfältige Kodierung auf Ebene der Lowest Level Terms zahlt sich hier unmittelbar aus, da sie bestimmt, welchem Preferred Term ein Ereignis letztlich zugeordnet wird. Auf dieser Ebene entscheidet sich somit, wie Ereignisse im weiteren Analyseprozess sichtbar werden und interpretiert werden können.
Aggregation: HLT und HLGT
Über den Preferred Terms liegen in der MedDRA-Hierarchie die High Level Terms und die High Level Group Terms. Diese Ebenen dienen vor allem der Aggregation und strukturieren größere Mengen von Ereignissen, ohne den thematischen Zusammenhang zu verlieren. Sie spielen eine wichtige Rolle, wenn Auswertungen über einzelne Preferred Terms hinausgehen sollen.
High Level Terms fassen inhaltlich verwandte Preferred Terms zusammen. Dadurch lassen sich Ereignisse gruppieren, die zwar unterschiedlich benannt sind, aber ein ähnliches medizinisches Konzept abbilden. In der operativen Arbeit erleichtert diese Ebene die Analyse, wenn Detailinformationen zu granular sind oder erste Muster sichtbar werden sollen. Statt zahlreiche einzelne Preferred Terms zu betrachten, lenkt sie den Blick gezielt auf übergeordnete Themen.
High Level Group Terms gehen einen Schritt weiter und bündeln mehrere High Level Terms zu größeren thematischen Gruppen. Diese Ebene eignet sich insbesondere für Übersichten, zusammenfassende Tabellen oder explorative Analysen größerer Datensätze. Sie hilft dabei, Schwerpunkte sichtbar zu machen und Zusammenhänge zu erkennen, ohne sich bereits auf einzelne Begriffe festlegen zu müssen.
Für die praktische Anwendung bedeutet das, dass High Level Terms und High Level Group Terms vor allem analytische Werkzeuge sind. Sie werden in der Regel nicht zur Kodierung genutzt, sondern kommen dann zum Einsatz, wenn Daten strukturiert ausgewertet oder präsentiert werden sollen.
Oberste Aggregationsebene: System Organ Classes (SOC)
Die System Organ Classes bilden die oberste Ebene der MedDRA-Hierarchie. Sie dienen dazu, medizinische Ereignisse übergeordnet nach Organsystemen oder medizinischen Bereichen zu klassifizieren und ermöglichen damit eine zusammenfassende Betrachtung der Daten. In der Praxis werden SOCs häufig genutzt, um einen ersten Überblick über die Verteilung unerwünschter Ereignisse zu gewinnen, etwa in Sicherheitsübersichten oder aggregierten Tabellen.
Im Vergleich zu den darunterliegenden Ebenen sind System Organ Classes stark aggregiert. Sie eignen sich daher besonders für zusammenfassende Darstellungen, verlieren jedoch einen Großteil der inhaltlichen Detailtiefe. Für detaillierte Analysen werden deshalb meist niedrigere Hierarchieebenen herangezogen, während SOCs vor allem der Orientierung und Einordnung dienen.
Eine besondere Eigenschaft der MedDRA-Hierarchie wird auf dieser Ebene besonders sichtbar. Medizinische Ereignisse lassen sich häufig nicht eindeutig einem einzigen Organsystem zuordnen, sondern betreffen mehrere medizinische Bereiche zugleich. MedDRA trägt dieser fachlichen Realität Rechnung, indem bestimmte Begriffe mehreren System Organ Classes zugeordnet sind. Dieses Prinzip wird als Multi-Axialität bezeichnet. Die hierarchischen Zuordnungen und Mehrfachzuweisungen sind in MedDRA fest definiert und nicht frei wählbar.
Die Mehrfachzuordnung ist dabei auf Ebene der Preferred Terms angelegt. Ein Preferred Term kann mehreren System Organ Classes zugeordnet sein, während Lowest Level Terms stets eindeutig genau einem Preferred Term zugeordnet sind und selbst keine Mehrfachzuordnung besitzen. Damit diese Mehrdimensionalität in Auswertungen beherrschbar bleibt, ist für jeden Preferred Term eine primäre System Organ Class festgelegt.
Analysen verwenden die sogenannte Primary SOC gezielt, um Mehrfachzählungen zu vermeiden. Ohne diese Unterscheidung führen Auswertungen zu Mehrfachzählungen und einer Überrepräsentation einzelner Organsysteme. Die bewusste Nutzung der Primary SOC ist daher entscheidend, um Verzerrungen zu vermeiden und Ergebnisse korrekt zu interpretieren.
Beispiel: Von der Meldung zur Einordnung in der MedDRA-Hierarchie
Eine Patientin berichtet nach Einnahme eines Medikaments über Herzklopfen und Schwindel. Diese freie Beschreibung bildet den Ausgangspunkt der Kodierung.

Im Folgenden verwenden wir zur Illustration der Anwendung die englischen Originalbegriffe der MedDRA-Terminologie.
Im ersten Schritt wird ein passender Lowest Level Term ausgewählt. Für das Symptom Herzklopfen bietet MedDRA mehrere niedrigste Begriffe an, die unterschiedliche sprachliche Varianten abdecken. Die Auswahl eines geeigneten Lowest Level Terms führt automatisch zur Zuordnung eines Preferred Terms. In diesem Beispiel erfolgt die Zuordnung zum Preferred Term Palpitations. Auf dieser Ebene standardisiert MedDRA das Ereignis erstmals und macht es für Auswertungen vergleichbar.
Der Preferred Term Palpitations ist in der MedDRA-Hierarchie weiter in übergeordnete Ebenen eingebettet. Er gehört zu einem High Level Term, der inhaltlich verwandte kardiale Symptome zusammenfasst, und dieser wiederum zu einem High Level Group Term, der einen größeren thematischen Zusammenhang abbildet. Diese Aggregation ermöglicht es, einzelne Ereignisse schrittweise zu größeren Gruppen zusammenzuführen und so Muster in den Daten zu erkennen.
Auf der obersten Ebene ist der Preferred Term Palpitations einer oder mehreren System Organ Classes zugeordnet. In diesem Fall besteht eine Zuordnung zur System Organ Class Cardiac disorders. Zusätzlich kann der Begriff weiteren System Organ Classes zugeordnet sein, was die medizinische Mehrdimensionalität des Ereignisses widerspiegelt. Für Auswertungszwecke ist jedoch eine primäre System Organ Class definiert, die als eindeutiger Referenzpunkt dient und Mehrfachzählungen vermeidet. Dieses Beispiel veranschaulicht, wie MedDRA ein einzelnes Ereignis entlang der Hierarchie verarbeitet, von der konkreten Beschreibung über die Kodierung bis zur aggregierten Auswertung. Gleichzeitig wird deutlich, dass die einzelnen Ebenen unterschiedliche Funktionen erfüllen und nur im Zusammenspiel eine konsistente und interpretierbare Analyse ermöglichen.
Typische Fehler bei der Anwendung der MedDRA-Hierarchie
- Unpräzise Kodierung auf LLT-Ebene
Eine unpassende Auswahl wirkt sich direkt auf die spätere Zuordnung und Auswertung aus. - Vermischung unterschiedlicher Hierarchieebenen
Eine Vermischung unterschiedlicher Hierarchieebenen erschwert die Interpretation der Ergebnisse. - Nichtberücksichtigung der Multi-Axialität
Ungefilterte SOC-Zählungen können zu Mehrfachzählungen und Verzerrungen führen. - Unklare Nutzung der Primary SOC
Ohne konsistente Verwendung lassen sich Ergebnisse kaum vergleichen. - Unsachgemäße Aggregation über HLT und HLGT
Diese Ebenen sollten gezielt und fragestellungsabhängig eingesetzt werden. - Nicht dokumentierte MedDRA-Version
Versionsunterschiede erschweren Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit. - Erwartung einer wortgleichen Abbildung jedes Ereignisses
Entscheidend ist die medizinisch sinnvolle Zuordnung, nicht die sprachliche Übereinstimmung.
Kurzer Exkurs: MedDRA-Versionen und Aktualisierungen
MedDRA wird regelmäßig aktualisiert, um neue medizinische Erkenntnisse abzubilden. Begriffe oder Zuordnungen können sich dabei ändern. Für die praktische Anwendung ist es daher wichtig, Kodierungen stets im Kontext der verwendeten MedDRA-Version zu interpretieren und diese sauber zu dokumentieren, insbesondere bei langfristigen Studien oder Vergleichen über mehrere Zeiträume hinweg.
Fazit: MedDRA verstehen heißt MedDRA richtig anwenden
MedDRA bietet eine strukturierte Grundlage, um unerwünschte Ereignisse konsistent zu kodieren, sinnvoll zu aggregieren und belastbar auszuwerten. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Hierarchieebenen von der präzisen Kodierung über die Aggregation bis zur Auswertung auf SOC-Ebene. Die Multi-Axialität ermöglicht eine medizinisch angemessene Abbildung komplexer Sachverhalte, erfordert jedoch ein bewusstes analytisches Vorgehen. Wer MedDRA als methodisches Instrument versteht und nicht als starres Nachschlagewerk, schafft die Basis für robuste, vergleichbare und regulatorisch belastbare Ergebnisse. Im Studienalltag zeigt sich jedoch, dass eine konsistente Anwendung oft methodische Erfahrung erfordert.
Weiterführende Literatur:
Medical Dictionary for Regulatory Activities (2025). Introductory Guide MedDRA Version 28.1. Abrufbar unter https://www.meddra.org/how-to-use/support-documentation/english